Psychosomatik aus neurowissenschaftlicher Sicht belegt

Wie ein Buch von Eric Kandel dabei helfen kann, das Zusammenspiel von Biologie und Psyche besser zu verstehen – eine Lektüre-Empfehlung von Dr. Daniela Neef

Depressionen, posttraumatischer Stress oder degenerative Erkrankungen wie Alzheimer sorgen für Funktionsstörungen im Gehirn. Medizin-Nobelpreisträger Eric Kandel befasst sich in seinem Buch „Was ist der Mensch?: Störungen des Gehirns und was sie über die menschliche Natur verraten“ damit, was genau im Gehirn geschieht, wenn die Funktionen aus dem Gleichgewicht geraten. Ein wichtiges Buch, wie Dr. Daniela Neef, Fachärztin für Kinder- und Jungendpsychiatrie und -psychotherapie in der BetaGenese Klinik in Bonn, findet.

Inhaltlich stellt Neurowissenschaftler Kandel darin einen anschaulich aufbereiteten geschichtlich-wissenschaftlichen Ablauf der Erkenntnisse zur Funktionsweise des Gehirns vor. Wiederholt verweist der Wissenschaftler darauf, wie durch die Erforschung der Pathologie – der Krankheit – auch Aussagen zur gesunden Funktionsweise des Gehirns gemacht werden können. Er erläutert die Unterschiede zwischen psychischen und neurologischen Erkrankungen und geht näher auf die folgenden psychischen Erkrankungen und deren Grundbedingungen ein: Autismus, Depression und bipolare Störung, Schizophrenie, Gedächtnis und Demenz, Parkinson- und Huntington-Krankheit, Angst und posttraumatischen Stress, Suchterkrankungen, Entwicklung der Geschlechtsidentität.

Psychische Erkrankungen haben biologische Ursachen

Jegliche psychische Besonderheit ist laut Kandel auf biologische, also zum Beispiel auf genetische, hirnstrukturelle oder synaptische Veränderungen zurückzuführen, die durch ein aufeinander abgestimmtes Zusammenwirken medikamentöser und psychotherapeutischer Therapie ganzheitlich behandelt werden können. „Seine Ansicht zur Ursache für die Stigmatisierung von psychischer Erkrankung im Gegensatz zu körperlichen Beschwerden ist für uns psychosomatisch arbeitende Mediziner besonders wertvoll. Trotz der medizinischen und wissenschaftlichen Fortschritte neigen ihm zufolge auch heute noch viele Menschen dazu, eine affektive Störung nicht für ein Krankheitsbild zu halten, sondern für eine persönliche Schwäche, wie etwa schlechtes Benehmen,“ zitiert Daniela Neef.

In der BetaGenese Klinik in Bonn arbeiten die Teams täglich daran, genau hier gegenzusteuern und das Zusammenspiel von Körper und Psyche wieder zu harmonisieren. „Ein Grundverständnis für die Krankheit zu schaffen und die Scham vor der psychischen Erkrankung abzubauen, damit wir auf Augenhöhe am individuellen Heilungsprozess arbeiten können, gehört zur Basis psychotherapeutischer Arbeit.“

Für Daniela Neef ist das Buch eine fachliche, aber auch persönliche Bereicherung für Betroffene, Angehörige und Therapeuten. „Dem ein oder anderen wird es Erleichterung bringen und oder auch Aha-Erlebnisse. Zum Beispiel fand ich es sehr spannend zu erfahren, dass es auch eine neurophysiologische Besonderheit gibt, aufgrund derer sich die betroffenen Menschen gegensätzlich zu dem verhalten, was wir bei Menschen mit einer Autismus-Spektrumstörung erleben.“

Zur Publikation: „Was ist der Mensch?: Störungen des Gehirns und was sie über die menschliche Natur verraten“ ist 2018 im Siedler Verlag und 2019 im Pantheon Verlag erschienen. Die Originalausgabe wurde 2018 unter dem Titel „The Disordered Mind: What Unusual Brains Tell Us About Ourselves“ bei Farrar, Straus and Giroux, New York, veröffentlicht.