Kindheitsforscher: Kindern geht es so schlecht wie nie zuvor

Die Anzeichen mehren sich und immer mehr Psychologen, Soziologen, aber auch Ärzte und Neurobiologen warnen: In den westlichen Ländern, die eigentlich hervorragende Bedingungen für eine gute und schöne Kindheit bieten, geht es Kindern so schlecht wie nie zuvor in der Geschichte. Klar ist, dass sich in den ersten Jahren der Kindheit entscheidet, welche sozialen Fähigkeiten wir erwerben. Kindheitsforscher können genau beschreiben, wann und wie die Fähigkeiten ausgeprägt werden für Empathie, für Glücksempfinden und Zufriedenheit, für die Bereitschaft, in unseren Beziehungen Nähe und Freundschaft zuzulassen. Diese wichtige Lebensphase ist nach Meinung der Experten existenziell bedroht.

Sehr intensiv hat sich der österreichische Kindheitsforscher Michael Hüter mit dieser Thematik befasst. Im Gespräch mit Focus-Online sagt er: „Wir müssen dringend etwas ändern an der Art, wie wir zusammenleben und wie wir mit unseren Kindern umgehen.“ Angefangen bei der Vorstellung, die unsere Gesellschaft heute von Kindern hat bis zum Begriff der Familie als Gemeinschaft. Hüter ist überzeugt, dass die Betreuung von Kindern vom Kleinstkindalter bis zum Abitur grundlegend überarbeitet werden müsse. Und er beschreibt eine Reihe von Tatbeständen, die ganz massive Defizite belegen.

Kinder brauchen emotionalen Kontakt für die seelische Gesundheit

Hüter: „In Europa hat inzwischen jedes zweite Kind eine chronische Krankheit. Bei größtmöglichem medizinischem Fortschritt waren unsere Kinder noch nie so auffallend krank wie heute.“ Alle festzustellenden Gründe lassen sich zu einer Ursache verdichten: Kinder können sich nicht mehr altersgemäß entwickeln, weil ihnen ein kindgerechtes Aufwachsen verwehrt wird. Hüter beginnt seine Kritik mit dem frühkindlichen Betreuungssystem. Dr. Daniela Neef, an der BetaGenese Klinik in Bonn Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, dazu: „Auch wir erleben bei unseren Patienten den zunehmenden gesellschaftlichen Druck, der auf den Eltern und damit indirekt auch auf den Kindern lastet, immer früher und zeitlich umfangreicher nach der Geburt eines Kindes zurück in die Berufstätigkeit zu müssen. Damit einher geht eine immer frühere, längere und in der Qualität oft nicht ausreichende Fremdbetreuung der Kinder.“ Auch der Bindungsforscher Karl Heinz Brisch bemängelt wie Hüter und Neef, dass die geringe Zahl von Fachkräften an Kitas negative Auswirkungen hat. In den ersten Lebensjahren, so Brisch im Gespräch mit der „Zeit“, formen die Erfahrungen der Kinder die Struktur ihres sich entwickelnden Kindes. Fehlende Zuneigung und geringer emotionaler Kontakt führen zu Stress.

Kinder brauchen Zeit, um Kind zu sein

Auch die Schule ist nach Hüter ein defizitäres System und macht die Kinder eher kaputt aufgrund der leistungs- und erfolgsbasierten Erziehungspraxis. Viele Eltern merken meist gar nicht, dass es ihren Kindern schlecht geht. Die Einstellung der Eltern, die ihren Nachwuchs ständig fördern wollen, führt dazu, dass die Kinder keine Zeit haben. Doch sie brauchen ihre Freizeit ganz dringend, der Mangel an Spiel führt zu Stress und gefährdet die kindliche Entwicklung. „Kinder“, sagt der Neurobiologe Gerald Hüther, „müssen ganz lange die Möglichkeit zum Spielen haben. Nur so kommen die in den Kindern angelegten Talente zur Entfaltung.“

Stress im Kindesalter kann Burn-out-Symptome hervorrufen

Eine Studie der Universität Bielefeld ergab, dass jedes sechste Kind in Deutschland unter hohem Stress leidet. Zwei Drittel von ihnen zeigten körperliche Symptome wie Schlafstörungen oder sogar Schmerzen – klassische Burnout-Symptome. Mehr als 80 Prozent der Kinder mit hohen Stresswerten sagen, dass sie keine Zeit für Dinge haben, die ihnen wirklich Spaß machen. Michael Hüter: „Wir verschleudern die Ressourcen unserer Kinder. Wir müssen unsere Gesellschaft neu aufbauen.“ Und zu einem menschengerechten Leben zurückkehren.

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Bild: Nicole Honeywill / Sincerely Media auf unsplash.